Willkommen zurück zu unserer Reise durch die nordische Mythologie! Nachdem wir im letzten Beitrag die epischen Weiten der neun Welten und den Weltenbaum Yggdrasil erkundet haben, wird es nun Zeit, die Bewohner dieser Welten kennenzulernen. Und wo könnten wir besser anfangen als ganz oben?
Heute widmen wir uns dem mächtigsten und komplexesten aller nordischen Götter: Odin (im südgermanischen Raum auch als Wodan oder Wotan bekannt). Er ist der unangefochtene Herrscher von Asgard, aber wer jetzt an einen friedlichen, weisen alten Mann auf einem Thron denkt, der irrt sich gewaltig.
Lass uns tief in die Mythen eintauchen und herausfinden, wer der Allvater wirklich war, welche Aufgaben er hatte und warum er für die Wikinger so furchteinflößend wie faszinierend war.
Wer ist Odin und was waren seine Aufgaben?
Odin gehört zum Göttergeschlecht der Asen und ist deren Oberhaupt. Im Gegensatz zu vielen anderen höchsten Göttern in Weltreligionen ist Odin kein allgütiger Gott des Lichts oder des Friedens. Er ist ein Gott der Extreme. Seine wichtigsten Zuständigkeitsbereiche (Domänen) sind:
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Gott des Krieges und des Todes: Er entscheidet über Sieg und Niederlage auf dem Schlachtfeld. Durch seine Walküren lässt er die tapfersten gefallenen Krieger (die Einherjer) nach Walhall bringen, wo sie sich auf die finale Schlacht, Ragnarök, vorbereiten.
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Gott der Weisheit und Magie: Odin ist geradezu besessen davon, Wissen anzuhäufen. Er beherrscht die Magie (Seidr), die er von der Göttin Freya lernte, und kennt das Geheimnis der Runen.
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Gott der Dichtkunst: Er ist der Herr über den Skaldenmet (den Met der Dichtkunst), der jedem, der ihn trinkt, die Gabe der Poesie und überzeugenden Rhetorik verleiht.
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Gott der Ekstase: Sein Name leitet sich vom altnordischen Wort óðr ab, was "Wut", "Raserei" oder "Ekstase" bedeutet. Dies zeigt sich im Blutrausch der Berserker im Kampf ebenso wie in der Trance der Seherinnen.
Odins treue Begleiter und magische Artefakte
Odin reist selten allein und verlässt sich auf eine Reihe mächtiger Tiere und Gegenstände, die ihn in Asgard und auf seinen Wanderungen durch Midgard (die Menschenwelt) unterstützen.
Seine tierischen Begleiter:
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Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung): Zwei Raben, die jeden Morgen in die Welt hinausfliegen und Odin am Abend alles ins Ohr flüstern, was sie gesehen und gehört haben. Sie sind sein Spionagenetzwerk in den neun Welten.
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Geri (der Gierige) und Freki (der Gefräßige): Odins Wölfe. Sie sitzen zu seinen Füßen an der Festtafel in Walhall. Odin selbst isst kein Fleisch, er ernährt sich ausschließlich von Wein und gibt all sein Essen seinen Wölfen.
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Sleipnir: Sein achtbeiniges Pferd. Es ist das schnellste aller Reittiere, kann durch die Luft und über das Wasser gleiten und trägt Odin sogar bis ins Totenreich Hel.
Seine magischen Gegenstände:
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Gungnir: Odins Speer, geschmiedet von den Zwergen. Dieser Speer verfehlt niemals sein Ziel und bricht jeden Schwur, der auf ihn geleistet wird, mit absoluter Autorität.
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Draupnir (der Tropfer): Ein goldener Armring, von dem in jeder neunten Nacht acht weitere, gleich schwere Ringe abtropfen. Er ist ein Symbol für unerschöpflichen Reichtum und Macht.
Odins größte Taten und Mythen
Odin war kein Gott, der sich auf seinen Lorbeeren ausruhte. Sein Leben war geprägt von Aktivität, Opfern und der Vorbereitung auf das unausweichliche Ende der Welt.
Die Erschaffung der Welt und der Menschen
Ganz zu Beginn der Zeit erschlug Odin zusammen mit seinen Brüdern Vili und Vé den Urriesen Ymir. Aus Ymirs gigantischem Körper formten sie die Welt: Sein Blut wurde das Meer, seine Knochen die Berge, sein Schädel das Himmelsgewölbe und sein Gehirn die Wolken. Später fanden die drei Brüder am Strand zwei Baumstämme (Esche und Ulme) und hauchten ihnen Leben ein – so entstanden Ask und Embla, die ersten Menschen.
Das Opfer am Weltenbaum Yggdrasil
Um das geheime Wissen der Runen zu erlangen, brachte Odin das ultimative Opfer – er opferte sich sich selbst. Er hängte sich für neun Tage und neun Nächte an die Äste des Weltenbaums Yggdrasil, durchbohrt von seinem eigenen Speer Gungnir, ohne Wasser und ohne Brot. Durch diese Qual am Rande des Todes offenbarten sich ihm schließlich die Runen, die ihm immense magische Macht verliehen.
Das verlorene Auge am Brunnen des Mimir
Odin wird fast immer als einäugiger Gott dargestellt. Sein zweites Auge verlor er nicht im Kampf, sondern er gab es freiwillig auf. Unter einer der Wurzeln von Yggdrasil liegt der Brunnen des weisen Mimir. Ein Schluck aus diesem Brunnen verleiht grenzenlose kosmische Weisheit. Mimir verlangte als Preis für das Wasser Odins Auge, welches dieser ohne Zögern herausriss und in den Brunnen warf.
Der Raub des Skaldenmets
Der Met der Dichtkunst wurde von Riesen bewacht. Odin verwandelte sich in eine Schlange, bohrte sich durch einen Berg, verführte die Riesin Gunnlöd (die den Met bewachte), schlief drei Nächte mit ihr und durfte dafür drei Schlucke trinken. Er trank jedoch die gesamten Fässer leer, verwandelte sich in einen Adler und flog zurück nach Asgard, wo er den Met in Gefäße spuckte.
Der Gott der tausend Namen
Odin tauchte in den Mythen oft verkleidet auf (meist als alter Mann mit einem Schlapphut und einem blauen Mantel), um die Menschen oder Könige zu testen. In den altnordischen Schriften (der Edda) werden ihm über 170 verschiedene Namen (sogenannte Heiti) zugeschrieben. Jeder Name spiegelt eine andere Facette seines Charakters oder eine seiner Taten wider.
Hier ist eine genaue Aufzählung der wichtigsten und bekanntesten Namen Odins:
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Alföðr (Allvater): Weil er der Vater aller anderen Götter und der Schöpfer der Menschen ist.
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Valföðr (Vater der Erschlagenen): Als Herr über die Einherjer (die gefallenen Krieger) in Walhall.
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Yggr (Der Schreckliche): Ein Name, der seine furchteinflößende Präsenz im Kampf beschreibt (Yggdrasil bedeutet wörtlich "Yggrs Pferd", also Odins Pferd).
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Grímnir (Der Maskierte / Der Verborgene): Wenn er inkognito in Midgard unterwegs ist.
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Hangatýr (Gott der Gehenkten): Eine Anspielung auf sein Opfer an Yggdrasil. Gehenkte Menschen wurden oft Odin geopfert.
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Bölverkr (Der Übeltäter / Unheilstifter): Diesen Namen nutzte er beim Raub des Skaldenmets. Es zeigt, dass Odin moralisch oft fragwürdig handelte, um seine Ziele zu erreichen.
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Hár (Der Hohe): Sein formeller Titel als höchster der Götter.
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Fjölnir (Der Vielwissende): Spiegelt seine unendliche Suche nach Wissen wider.
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Sigföðr (Vater des Sieges): Den Göttern und Menschen schenkt er den Sieg in der Schlacht.
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Vegtamr (Der Weggewohnte / Wanderer): Als ewig reisender Gott, der die Welten durchstreift.
Fazit: Das tragische Schicksal des Allvaters
Odin ist ein getriebener Gott. Alles, was er tut – sein Streben nach Weisheit, das Sammeln von Kriegern in Walhall, seine Magie – dient nur einem Zweck: Er kennt das Schicksal der Götter bei Ragnarök (der Götterdämmerung) und versucht verzweifelt, den Untergang aufzuhalten oder sich darauf vorzubereiten. Am Ende wird ihm seine Weisheit jedoch nicht helfen: Es ist prophezeit, dass Odin in der finalen Schlacht von dem gigantischen Fenrirwolf verschlungen wird.
(Teaser für den nächsten Beitrag: Hat dir der Einblick in Odins Welt gefallen? Im nächsten Beitrag widmen wir uns seinem berühmtesten Sohn, dem Donnergott, der nicht mit Weisheit, sondern mit reiner Muskelkraft und einem magischen Hammer für Ordnung sorgt: Thor!)
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